Mehr Ungleichheit wagen - Gedanken zum Jahresanfang

01.02.2014

Beitrag von Hendrik Wüst zum MittelstandsMagazin - Ausgabe 01/02-2014

Nach den akuten Krisenszenarien in der Eurozone und der Bundestagswahl ist etwas Ruhe eingekehrt. Und trotz mancher Herausforderung und selbst geschaffenen wie äußeren Risiken geht es den Menschen in Deutschland heute so gut wie sonst kaum irgendwo in Europa. Die Arbeitslosigkeit sinkt stetig – von rund 4,9 Millionen im Jahr 2005 auf unter 2,9 Millionen im Jahr 2013. Wir haben die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Vergleich. Und auch die privaten Konsumausgaben steigen – das alles sind deutliche Indikatoren dafür, dass es uns so schlecht nicht gehen kann.

Wachsende Unzufriedenheit

Und trotzdem wächst laut einer aktuellen Allensbach-Analyse seit 20 Jahren die Unzufriedenheit der Deutschen mit der sozialen Lage im Land. Damit geht ein erhebliches Misstrauen gegenüber der freien Wirtschaft einher. Über 50 Prozent der Befragten verbinden den Begriff „Marktwirtschaft“ mit negativ konnotierten Begriffen wie „Gier“, „Rücksichtslosigkeit“ und „Ausbeutung“. Schon folgerichtig wünschen sich wesentliche Teile der Bevölkerung ein intensiveres oder mindestens gleichbleibendes Eingreifen des Staates in das Wirtschaftsleben – 62 Prozent!

Wurde so viel Misstrauen gegenüber dem Wirtschaftssystem erzeugt, das seit über 60 Jahren in Deutschland Arbeitsplätze und damit unseren Wohlstand generiert? Sind die Deutschen tatsächlich mehrheitlich der Ansicht, in einer Planwirtschaft ginge es uns besser?

Auf der einen Seite wird unsere Gesellschaft immer bunter und vielfältiger – das erleben wir selbst jeden Tag und das zeigt auch die im Auftrag der Kirchen erarbeitete SinusMilieu-Studie. Auf der anderen Seite halten wir Deutsche materielle Ungleichheit immer schlechter aus – erklärt das die Unzufriedenheit mit unserer freiheitlichen Wirtschaftsordnung?

Ungleichheit ist unvermeidlich

Auch in der sozialen Marktwirtschaft ist Ungleichheit unvermeidlich! Nur sie schafft den Anreiz, hart zu arbeiten und unternehmerische Risiken einzugehen – nur so entstehen Innovationen, die unseren Wohlstand mehren. Der Wille zur Leistung bröckelt immer dann, wenn alle automatisch das gleiche Ergebnis haben.

Wie viel Ungleichheit müssen wir also tolerieren, um die Dynamik unserer Wirtschaft und damit die Quelle unseres Wohlstands zu er halten? Das ist die Frage, die sich auch die Politik stellen muss – und das kollidiert zum einen mit dem nach wie vor bestehenden Anspruch, gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen. Und es kollidiert zum anderen mit dem Empfinden, dass möglichst alles gleich behandelt werden müsse, sonst sei es auch nicht gerecht. Die Begriffe werden zunehmend synonym verwendet. Hieraus ergeben sich dann falsche Schlussfolgerungen in allen Politikbereichen, z. B. in der Sozial-, Steuer- und Arbeitsmarktpolitik. Aus meiner Sicht lohnt es sich, diesen Gedanken mit ins neue Jahr zu nehmen und für eine Politik einzutreten, die mutig genug ist, wieder mehr Ungleichheit – nicht Ungerechtigkeit – zu wagen.